ruft Frank [5/11_07]
iv
Domstraße, links in die Braubach: Gut ist, was gefällt-Litfasssäule … Lama halst aus Beifahrertürfenster, Weißer tuxedo filmfröhlicht Starlet auf Heiliger Wald-Schaukel, drunter: Che … tonnt schlank in parkigem Blechwall (zu beiden Seiten), Schienen (Mitte), Büroblöcken (wieder beidseitig), Oberleitungen (Mitte oben). Kubistisches Stillleben, grafisch, grauschattiert, Himmel verunwichtigt. Ich husche hinein in die Schwarzweißbildschlucht, finde mein Stahlross, mache es los, stülpe meinen Helm über, steigbügle in den Sattel und spornstreiche quer über den Römerberg, einen alten Braubachseitenarm entlang, vorbei an Karl (groß und rotsandig entrüstet!, abgesockelter Hüter dieser Fußgängerzone) hinunter zum Fluss. Der Eiserne Steg zeigt wie eine unbeirrbare Kompassnadel entweder SüdbisschenSüdost oder NordbisschenNordwest. Schnappe nach frischer Brise, links den Mainkai hoch. Alte Brücke. Auf der hatte Karl mal für 60 Jahre wenigstens über so was ähnliches wie „seine“ Furt wachen können, anstatt in ner Betongnische, von Himmel wie Erde getrennt, nur noch Passanten und verkehrsregelverachtende Radler zu verdattern. Und noch mal genauer hingekundschaftet und zu Hause Anweisungen nachgelesen (Das unbekannte Frankfurt): … über die Alte Brücke gehen und in ihrer Mitte verharren. Über dem sogenannten Kreuzbogen der Brücke, die man 1914 abriß, erhob sich ein Kruzifix mit einem vergoldeten Hahn. Weithin leuchtete er in der Sonne. Er gab den Mainschiffern ein Zeichen, daß hier die tiefste Fahrrinne war. … . Es war der dritte Hinrichtungsplatz in Frankfurt. Hier ertränkte man die Verurteilten im Main, gebunden oder in ein Faß gesperrt. Man wählte diese Stelle, weil sie am tiefsten war und man damit rechnen konnte, daß die Ertränkten nicht noch im Stadtgebiet wieder ans Ufer geschwemmt wurden. Ertränken, das war noch im 15. Jahrhundert die wichtigste Hinrichtungsart. Man vollzog diese Strafe vor allem an Frauen.
ruft Frank [7/11_07]
Ausgerechnet Arthur Schopenhauer, Vorzeigefrankfurter und vermeintlicher Frauenfeind, hatte den vollen Ausblick auf diesen Brickegickel. Hier steh ich nun ich armer Irrer, vor ner Zahnlücke in der Schönen Aussicht, die der werbende Bauzaun nur schamhaft verdeckt. Hier also soll Hr. Wille & Vorstellung residiert haben. Luftig! Ein Kleinbiotop zwischen Nr. 12 und 16, Mainuferrennstrecke fürs Innenstadt-p-s-en und verparktem Sack Hinter der schönen Aussicht. Hatte frischen Wind erwartet: ab gas. Und ne Bö Viel-Oh-So-Vieh: trümmer feld. Ichweißnich, ichweißnich. Die Idee, einem Ort mit Person, Leiche (lies: frei verwertbare Persönlichkeit) Zustand und Eigenschaft zu beschaffen, wird durch dieses kariöse Grinsen der Häuserreihe sehr fahnig im Wind. Ich find nicht mal ne Schopenhauertafel an der 16. Umkreise den Flecken, mein Vorderrad wie platt. Foto: Henningerturm durch kahles Gestrüpp und Geäst über Verbrettertem. Schönes, blaues Eis jedoch, obendrüber.
„In meinem Kopfe“, sagte Schopenhauer: edle Unentschlossenheit. Neben ihm die Seele von einem Pudel: einātmán, ausātmán. Arthur suchte im cholerafesten Frankfurt seine feste Burg für die zweite Lebenshälfte: nur in Einsamkeit, nur in Einsamkeit kommen Ausgelass’nes und Danebengetanes zu ihrem Recht: das eigne Werk redigieren. Frag ich mich: Von was hat der Gute denn gelebt?! Zwar wird er noch zu Lebzeit rüchig, verkauft aber doch viel zu lange viel zu schlecht. Also??
ruft Frank [9/11_07]
Aufstehn zwischen sieben und acht, Schwamm übern Torso und Kaltwasser ins Gesicht, Kaffee gebraut, danach zwei Stunden (??!!) Arbeit, und bloß keine Störung, ab elf Uhr Besucher zur Not, halbe Stunde Flöte, rasiern, in Frack und weißer Binde Mittag essen, 1 Stunde Schlaf, noch mal Kaffee, und dann Gassi für Hund & Herrn, nachmittägliches Mainschwimmen (oft), Zigarre (immer nur die Hälfte), Kasino oder Lesegesellschaft, was Kaltes im Englischen Hof, dann Konzert oder Theater, oder leichte Lektüre und Pfeife, Schlafzimmer nie geheizt, leichte Decke selbst im Winter offenes Fenster. Klingt nach Disziplin und garnich sooo abgesondert. Auf den Spaziergängen backenbartet er lautstark für sich hin, aber das gehörte zur Komödie des Ruhms dieses misanthropischen Weisen & Kaisers der Philosophie von und zu Frankfurt. Also Arthur S. am Main, 1833-60, in der comfortablen Situation eines finanziell unabhängigen Privatgelehrten, Schöne Aussicht. Fütterte auch mal fremde Hunde (woraufhin s ihn von der 17 in die 16 verschlägt: bissiger Hausbesitzer!), knurrte jedoch deutlich und schonungslos gegen die Amtsphilosophie, die s ex cathedra hegelte. (So schön möchts unsereins mal haben: Nur dem eignen Werke leben!) Schopenhauer blieb sich treu, von der Natur zur Philosophie berufen, zettelte an seinem Weltbild und erblühte spätwerkig in der nüchtern praktischen Messe- und Handelsfreistadt: Aphorismen zur Lebensweisheit. Nebenher: „Verein zum Schutze der Thiere“, Times lesen, der Stadtbibliothek (Ohne Bücher auf der Welt, wäre ich längst verzweifelt!) ihr Küchenlatein auf der Fassade des Portikus um die Ohren gehauen, am Ufer rüber zur Mainlust promeniert, Freunde gibts jetzt auch n paar (Römer, Gwinner, Kilzer, Beck, Frauenstädt, Becker, von Doss), die auch mal verkündern und jüngern, „aposteln und evangelisten“. Am Main sitzt der Philosoph endlich auf seinem Gipfel, die Zeit des „Ignorierens und Sekretierens“ sei vorbei und Frankfurt für ihn (eigentlich) der Mittelpunkt Europas. Ein Eremit (möglich) und Welträtsellöser (wo möglich) im sich hauptstädtischenden Treiben, incognito, „Permissionist“ (alle 7 Jahre ne Aufenthaltsgenehmigung), geistiger Bühnenfeger auf dem Weltstadtschauplatz. Er starb am 21. September 1860 (Marianne von Willemer am 6.12. – ach so. Suleika hatte übrigens 18/14 middem Gidie (versucht sachsenhäuserischt) ausm Hühnerweg vom Willemer’schen Gartenhäuschen über die Freudenfeuer auf den Taunusbergen (Napoleons Niederlage bei Leipzig) hinweggeblicket, vielleicht schon mal zur Schönen Aussicht rübergemust – ach ja.). Beide Hauptfriedhof. 1877 schon: die erste Schopenhauer-Straße in einer deutschen Stadt, dann zwei Denkmäler. Die Büste in der Obermainanlage überstand sogar „kriegswichtige“ Zweckentfremdung, verlor abers Basrelief an die „Reichsstelle für Metall“, und nachm Krieg noch mal beanschlagt: Metalldiebe (heutzutage machen die mit Gullideckeln und Eisenbahnschienenklau mehr). Und zweimetersechzig auf dem Westflügel der Stadtbibliothek: Körper klein und gedrungen, gewaltig der Kopf, neben Böhmer, Lersner, Spener, Rüppell (Ost) und Fichard, Merian, Varrentrapp (kenn ich alle nur als Straßen!!) und Arthur (West), weggebombt im Kriech!. 7 Metallplattenfotos daguerrillieren (seiner portikalen Stadtbibliothek vermacht, die erst 1939 Latein lernte: Litteris, recuperata libertate, civitas) zum Steinchen, das gut geworfen und Plumps! schön auswellt in Archiv und Gesellschaft des Aufklärungsbesorgers (mit freundlicher Genehmigung der Stadt- und Universitätsbibliothek: Porträts (Jugendbildnis von Ruhl – da sieht er aus wie H.H. – und die Altersbilder von Lunteschütz, Hamei und Goebel), Goldbuddha, 16 mal Hundekupfer, Gipswieland, Shakespeare und Cartesius (wieder Kupfer), Todessofa, nur die Schlafmütze und das Bett fehlen (ge1944zigt), weißer Pudel (Abbild), weitrer Pudel (auf schwarzem Bärenfell), Kant in Toga. Schöne Aussicht wie gesagt.
Zeit fürn Schoppen. Blöd=sinniges Wortplänkeln, aber ich bin tatsächlich reif fürn Bier (mentaler Hennigerturmdorn in nachpochender Retina. Schnell rüberpedaalt nach Sachsen … hausten da seit vielleicht Ludwig dem Deutschen. Schnell hinein ins kinnige Vergnügrevier: Falafel + bin Ding. Kurz zum Wetzel runtergetreppt: einsamer Klassikvorposten im Rennradland, de Rosa schaufenstert in Stahl (für die Laien: das ist schon was!, wo s überall und dauernd nur noch unter 7kg kohlefasert!) und dann noch mal zu den toten Seelen mitten auf der Brücke. Hahn weg, Karl weg, der Fluss ist nicht zu hören, Verkehrsrauschen, das Wummern der Alten. Ich werfe meinen Blick auf einen Kahn, lass mich treiben.

