ruft Frank [12/11_07]

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26.1.2006: „Viel zu wenige kennen ihn“, gilt für viel zu viele (und bei „sie“ können wir das gleich noch mal mit „viel“ potenzieren). Dennoch, hier gehts um einen überzeugten Weltbürger, Europäer und Frankfurter, einen unermüdlichen Journalisten, Reiseschriftsteller, Nationalökonom, Lyriker, Erzähler und Dramatiker. Jubiläumsjahre danach. Ein unruhiger Geist und in sich ruhender Mensch. Hesse liebte seine Geh!Dichte!, der rasende Reporter Kisch das Poetische seiner Realportagen.
Vorgestern sah ich zwischen drei und fünf Uhr nachts den schönen Saalhof, der auf der Mainseite uns gegenüber liegt, lichterloh brennen. Ein Schauspiel von luziferischer Größe und Schönheit. Nun hat die wunderschöne, geschlossene Mainseite ein paar häßliche Lücken. Auch in der Altstadt sind Brandlöcher; selbst das Goethehaus ist am Giebel verstümmelt. Und noch kein Ende, schrieb Alfons Paquet 1943. Dieser Blick lässt mich Paquets Wohnung am Schaumainkai etwas west- oder östlich des Eisernen Stegs vermuten. Schräg übern Main die Schöne Aussicht mit der schopen-hauer’schen Zahnlücke in der Häuserreihe. Klettre die paar Stufen zum Eisernen Steg empor (zwei Knäblein surfen den Laternenmast durch den stahlblauen Himmel), um mein imaginiertes Koordinaten zu beguten+achten, um vor Schatten (Sonne schwenkt verdammt halbmastig durchs Gebläu, klebt noch am südlichen Wendekreis) zu fliehen. Kaum oben und ostwärts geschaut, saugt mich ein Erinnerungsstrom flussabwärts, vor meinen Augen wirds schwarzweiß, holz+schnittig: Vom Himmel fällt „des fewers vil“, sonnen Finsterniss, die Waagschalen der Gerechtigkeit purzeln hilflos käfrig vom Firmament, Flammenregen von links, von rechts erbricht das Wolkenmeer, wir schauen ins tiefe Tal des Mains (aus SüdWest, gefühlte Position), sehen den Dom, die Mainbrücke, den Rententurm, die Nikolaikirche, (grad wie vom Schaumainkai!), die Zeiten sind schlecht, die Menschen voller Hoffart, ein Strafe verkündender Engel (rechts oben) und die selbstverliebt in Flammen stehende Unzucht mit dem Spieglein (oben links) … ein Flugblatt aus dem Dreißigjährigen Kriech! ergänzt Paquet, nahtlos.

ruft Frank [14/11_07]

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Ich hab Alfons Paquet nicht gesucht, aber kurz vor meiner ersten Exkursion in die alte HeiMat-(liest sich plötzlich wie’n Waschsalong, gelle!?!)-Stadt, nekrologt er: „125-jährig wird meiner gedacht“, 56 auf 130 (mm!), aber Titelseite der Rundschau: Nonkonformismus zeichnete ihn als Romancier, Dramatiker und Mitdenker aus. Der Erste Weltkrieg unterbrach die erst Phase seiner gar nicht unerfolgreichen Dichter-Laufbahn, die zwanziger Jahre in Frankfurt waren seine große Zeit – „wohl heute der bedeutendste weltpolitische Schriftsteller Deutschlands“, so 1925 Kollege Armin T. Wegener. Also wenn das kein verlegter Frankfurter iss! Mitdenker – zwar ungewöhnlich, aber stößt bei mir nun wahr+haftig die Tür auf: raus ausm Elfenbeinturm und frisch MitGehDach…t, Mitmenschmitfühlenmitgehangen-mitgefangen fällt ein … ist ja doch immer alles sehr zwiespaltig (eben so wie das Paquet Nachgerufe), aber ums mit einem Wort zu sagen: schön!, und vielleicht auch ein journalistischer Zu=Glücks Fall: Mitdenker (nochma auf der Zunge zergehen lassen, sag ich!). Von mit bzw. überhaupt denken danach jedoch keine Spur: gar nicht unerfolgreiche Dichter-Laufbahn. Was weiß diese Schwarzwort aufs tägliche Weißpapier speiende Laptopkröte schon von Dichtern! Und Laufbahn wird eh nur noch aus dem FRZ verstanden: car rier‘ (also mit ein bisschen Angelsächsisch im petto sowas Ähnliches wie: mimm Auto, gelacht). Um dann achterbahnisch in Gänsefüßchen aus un+er+-folg+reich hinaufzustürmen zur Rampe für den 3-fachen Starlooping: bedeutenste weltpolitische Schriftsteller Dtschlndsssss. Das Einzige, was mich nach haufigem Hoch! & scheinbar unmitdenkertem Nieder! versöhnlerischt ist der Kollege (nicht dass ich den Herrn kännte … vielleicht noch n Verlegter), aber das Wort an sich hört sich so an, als wärn die beiden so richtige Kumpel in den Sprachzechen gewesen. (Na, wills gut sein lassen …).

ruft Frank [16/11_07]

Trotzdem kurz mal Gedanken springen wegen dem Kollegen Armin T.
Schwarze tollkirschige Augen, „Bestseller-Autor, KZ-Häftling, Frauenliebling“ (also ssss werden auch immer Eigen+schaften gequirlt!). „Querdenker und Aufklärer“, Pazifist, Kriegsdienstgegner, Warnbriefschreiber an Hitler, Völkerbundler, gegen iss=muss wie Chauvin…, Antisemit… und andere Formen der Volksverhetzung. Weg mit Wehrpflicht, Kadavergehorsam, Rüstungsfrevel und Morderziehung! Und gegen das „organisierte Schweigen“ (R. Giordano) hat sich „kein andrer deutscher Pazifist“ derartig engagiert wie Armin Theophil Wegener. Der türkische Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915-18 war der erste Holocaust des vergangenen Jahrhunderts und kostete mit über einer Million Opfern fast zwei Dritteln der größten christlichen Minderheit im damaligen Ottomanischen Reich das Leben. Deutsche Soldaten, die bei ihrem türkischen Bündnispartner stationiert waren, sahen der Abschlachtung der Armenier tatenlos zu. Lediglich der junge Sanitäter und spätere Schriftsteller Armin T. Wegener fotografierte unter Todesgefahr heimlich die Leichenberge der Deportationszüge. Adolf Hitler leitete 1939 bei einer Rundfunkrede die ,,Juden-Endlösung“ im Zweiten Weltkrieg mit den Worten ein: ,,Wer denkt noch an die Vernichtung der Armenier?“. Während der Genozid an dem über 3000 Jahre alten Kulturvolk am Kaspischen Meer inzwischen von zahlreichen Ländern formal anerkannt wurde, verleugnet ihn die Türkei bis heute. So SINN UND SÜHNE, fansite-atom-egoyan. Ein PDF-Logoment für Einen, der sieben Gefängnisse und drei Konzentrationslagern überlebte. Exil. Letzte Jahre in Rom, unbeachtet, verbittert. Deutschland hat ihn nie gewürdigt, nie heimgeholt. Wenn da A. T. mal nicht zu den verlegt Vergessnen gehört!

Ich schlag mal nach, Brockhaus in einem Band, „der Einbaum unter den Lexika“ (Arno Schmidt): Wega, Wegberg, Wegener (aber Alfred  Plattentektonik), Wegerecht, Wegerich. Wedgwood und Wehner (Herbert) rahmen namentlich. Und dann überkommt mich noch die nach=forschende Wut: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2005? Orhan Pamuk. Aha! Der hat doch gerade seinen Prozess wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ (am 22.01.2006 im Sande ver-)laufen, weil er den Völkermord an (na, schon geraten!: ) eben, den Armeniern beim Namen nennt! Was hätte wohl J. Selbdritt, alias Armin T. zu seinem Wiedergänger gesagt … 90 Jahre her, mannmann Orhan, vielleicht?

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Um mir den Weg vorstellen zu können, den Ka morgens von seiner Wohnung bis zur Stadtbücherei zurücklegt, in der er jeden Tag stundenlang sitzt, gingen wir vom Hauptbahnhof aus durch die Kaiserstraße, an den Sexshops vorbei, dann durch die Münchener Straße mit ihren türkischen Lebensmittelgeschäften, Dönerbuden und Friseurläden, bis hin zur Hauptwache, und wir kamen dabei an der Paulskirche vorbei, … . Der türkische Dichter-cum-Asylant in Pamuks neustem Roman Kar (= Schnee) legt die Spuren für Orhan (alias Ka) vom ehemaligen Galgenfeld bis zur Zeil, sticht die Akupunkturnadel der Wanderung seines Helden in die Hauptwache und lässt auch den Ort der Dankesrede an den Börsenverein nicht aus …. Verbindungenverbindungen. Pamuk nimmt mich an der Hand, führt mich wieder in die Stadt hinein, zur Sandsteintonne. Ich gleite weiter. Kehren wir also wieder in Frankfurt.

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