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Annäherung

 

13. August 2007, mittags. Jahrestag des Elbhochwassers. Jahrhundertflut. Position: Geesthacht,53°25’ N, 10°22’ O. Luft: lässt sich aushalten, luschig warm hab ich irgendwo gelesen. Wasser: kA (bin nicht so der Badetyp). Wind: NNW, frische Brise, 5/6 Bft, mässig bewegte See, obwohl ich die eher fantasiere, als spüre. Ein Jahr lang auf dem platten Land, Mecklenburg—langes „e“—liegt hinter mir. Ein Drittel Land, zwei Drittel Himmel, ganz neue Weite, zum Verlieben. Dort spricht man eher von Luft – als von Landschaft. Kraniche zogen trompetend übers zu hütende Haus. Knöterich. Herkulesstaude. Pflanzen, die wenig Ansprüche stellten und trotzdem enorm wuchsen. Ich übte mich im viel zu großen Garten des Ausbaus im alltäglichen Scheitern. Einfach zu viele Mücken, zu viele fallende Äpfel, zu viel Rasen zu mähen, zu viele Schnecken im Gemüse, zu viel Zeit, um über zu viele Dinge nachzudenken. Giacomettis unermüdliches Versuchen vereint mit dem hemingwayschen Ausmaß dessen, was unter der Oberfläche passiert.

 

Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker. Es liegt alles an dem Teil, der unsichtbar bleibt.

 

Ersetzt man „schreiben“ einfach mal mit „leben“, kommt dabei so etwas wie ein Leitmotiv oder aber ein Talisman für die Unwägbarkeiten meiner Annäherung an Hamburg heraus. Das temporäre Landei auf dem Weg gen Elbmetropole. Ich versuche immer, nach dem Prinzip des Eisbergs zu leben. Giacometti stellte Anfang der 1940er winzige Skulpturen „auf immer größere Sockel“. Unglaublich präsente Miniaturen. Den verschwindend kleinen, scheinbar viel zu dünnen, vielleicht buddhistischen Mönch, auf seinem megalithischen Bonsaipodest möchte ich am liebsten immer dabeihaben. Erdung. Die ewige Frage der Herkunft gelöst, so ruhig, klar und bescheiden, wie diese Gestalt ihren Körper aus den nicht näher definierten sieben Achteln heraushalmt. Den könnte ich beruhigend mit der einen Hand in der Tasche murmeln, während ich Kilometer schrubbe oder, wenn ich eben, wie jetzt grade, an die warme Backsteinwand einer Kirche gelehnt, kurz davor bin zu versuchen, für die nächsten Monate und Jahre meine eigenen Kreise im Strudel der Hansestadt zu ziehen.

 

Großstädte wachsen einem über die Jahre ins Fleisch. Sie spiegeln einen verborgenen Teil der eigenen Biografie. Zuweilen auch den Teil, der nur in den Träumen existiert. Sie sind Bühnen für Lebensexperimente und bieten den Raum und das Versteck, die Infrastruktur und die Warteräume, um allen imaginären Verästelungen der eigenen Biografie nachzugehen … 

 

… meint einer der sprachgewandten corsofolio Londonspezialisten und es ist gut, dass er mich daran erinnere. Lebensexperiment. London. Frankfurt. Madrid. Rom. Das bringt es schon ziemlich auf den Punkt. Ausgang ab Eingang ungewiss. Bloß nicht zum Bedeutungskontrolleur, zum Sinnfabrikanten oder Gewissheitsunternehmer werden. Ausprobieren, an der immer wieder auf‘s Neue erstaunlich langen Leine der eigenen Ängste. Wagen, was nicht sicher ist. Auf Sand bauen, wenn nix andres als Schüttgut da ist. Da vorbeischauen, wo der Pfeffer wächst. Das kann ja wohl auch in Hamburg nicht so schwer sein. Ganz klar!, ich mach mir natürlich nur Mut. Den wärmenden Backstein im Rücken ist das nicht so schwer.

 

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Aber so langsam sollte ich wieder in den Sattel steigen, die Leinen los machen und mal tüchtig in die Pedale treten. Die unbekannten Schichten und Geschichten der Hafenstadt fühlen sich vom südöstlichen Marschrand aus zwar an wie trügerisches Packeis oder dieses Caspar David Friedrich-Bild: „Das Eismeer (irrtümlich verwechselt mit Die verunglückte Nordpolexpedition)“, aber ich bin nicht hierher gekommen, um mein Gebetsmühlenvorderrad aus Expeditionsangst um so ein paar ich-habs-jetzt-schon-satt-Grad zu drehen und wieder ganz woanders hinzustrampeln. Außerdem ist es August, halbwegs warm und ich suche ja keine Nordwestpassage, die mich eh nur an der Elbe lang in Brunsbüttel oder Friedrichskoog auflaufen lassen würde. Von dort könnte ich — immer schön die Richtung beibehaltend (und vor mich hinträumend), wäre denn ein Skipper bereit —, zu einer weiteren Burg am Firth of Tay, ins schottische Dundee ablegen. Aber das ist natürlich Quatsch mit Soße, schließlich bin ich jetzt gerade hier! Am Tor zur Welt! Venedig des Nordens! Wo die Justizvollzugsanstalt Santa Fu heißt, die Kirche Michel und Polizisten Schlümpfe! Wo der Hafen wie ein Herz pulsiert! Ohn‘ Sorg Stadt am Fluss … an dessen Ufer ich mir hier im Holsteinischen noch viel zu viele Gedanken mache.

 

Mir selber war anfangs gar nicht so klar, was ich wohl in Hamburg w- oder s-ollte. Also dachte ich, nachdem das Mobiliar soweit in einer neuen Bleibe untergebracht war, mich erst mal auf den schmalen Pneus meiner Tretmühle von Osten aus anzuschleichen … und nun schmiege ich mich immer noch an die wärmende Wand des Gotteshauses. Als Landratte hatte mir die Idee, mich im ozeanischen Parfüm der Hansestadt baden zu können, ohne mir ständig über Sturmwarnungen an der Küste Gedanken machen zu müssen, besonders gut gefallen. Und schon zappelte ich an diesem fetten, immer wieder fürs Geschäft salzig vertieften Elbhaken und wunderte mich gar nicht so doll, weil ich mich aus unerfindlichen Gründen ganz zufrieden damit fühlte. Ernst-jandln über „lyrik“ hat mir da sehr geholfen, nur dass halt für „lyrik“ mal wieder „leben“ oder „leben lassen“ zu lesen wäre:

 

ist das a) lyrik?

ist a) das lyrik?

a) ist das lyrik?

ist das lyrik a)?

das ist a) lyrik.

das a) ist lyrik.

a) das ist lyrik.

das ist lyrik a).

 

Dieses ganze gedankliche Zögern&Zaudern, das sich so wohlig lahm in den Beinen ausbreitet, dass man sich trotz vorbereiteter Anlegestelle gar nicht mehr vom molligen Backstein lösen möchte, als hätte ich mir nicht schon ein paar Wochen zwischen Kisten und Farbeimern den Wind der neuen Heimat um die Nase wehen lassen … also mir ist echt ganz schön flau! Was für ein Kuddelmuddel. Die scheinbar bis ins letzte erforschten Weiten und Tiefen der Elbmetropole sind nichts als ein weißer Fleck, bedrohliche Terra incognita auf meiner persönlichen Lebens+StadtLandFluss=Karte. das ist leben ah! Ich summs mir vor. Könnte es sein, dass man in einer Hafenstadt zwangsläufig wieder ans Ablegen denkt? Und das, bevor man überhaupt richtig angekommen ist?

 

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Mit fiebrig und zugleich fahriger Hand fische ich zwei ganz besonders widersprüchliche Stücke Treibgut aus den Packtaschen, die ich dem Bildertsunami unsrer immer schon Geschichte gewordenen, virtuellen real=I+tät (und ein bajuwarisches „fei“ nachgestellt) geklaut habe, bevor ich mich zur veloziped langsamen Annäherung an die Landungsbrücken aufmache.

 

Dem holländischen Fotografen Bas Princen verdanke ich diese frühe Allegorie auf die Elbphilharmonie (http://www.mottodistribution.com/site/wp-content/uploads/2011/03/Reservoir_Bas_Princen_Cantz_0063.jpg). Natürlich hatte ich vorab von dem Steuergeldmonument gehört, hatte den virtuellen Rundgang, von schemenhaft weißen Tempelwächterinnen eskortiert, gemacht, mich über die Akustik informiert, als müsse man unbedingt hier sein Ohr in den hanseatischen Schlick pressen. Dass aber gerade tonnenschwer wolkige Felsformationen diese stählerne Glaswellenbetonform vorweggenommen haben könnten, hätte ich ja nun wirklich nicht für möglich gehalten. Der Hamburger Himmel macht sich jedoch gut als Kontur formender Ersatz, während die ewig still stehenden Kräne Gott weiß was akupunktieren.

 

Jahrelang werde ich nun auf meinem Weg zur Arbeit an diesem seltsam im Glauben an den urbanen Baupopanz stillstehende Prestigetrumm vorbeiradeln. Selbst die Sockenwolken am Haken der unbeweglichen Kräne um den teuersten Bauplatz der Stadt stinken zum Himmel. Dem Hamburger Hafenrachenzäpfchen wurden mit Macht zu den schon vorhandenen 1111 Betonpfählen unterm Kaispeicher A noch mal 111 eben solche in „die weichen Bodenschichten aus Klei und Torf“ gerammt und seitdem kriegt man eher einen steifen Nacken vom Betrachten der steilen Kostenexplosionskurve als des eigentlich himmelstürmenden Bauwerks selbst.

 

Die erste Kirche in der Geschichte Geesthachts hätte der Elbstrom schon längst verschlungen. „Steine und Inventar konnten jedoch gerettet werden. 1685 wurde die heutige Fachwerkkirche St. Salvatoris mit dem geretteten Material gebaut.“ Und ich spüre den wärmenden Backstein im Rücken. Werde ich mich irgendwann genau SO an die ollen Kaiserspeicherwände der Elbphilharmonie lehnen, über denen sich stahlbetongläsern ein architektonischer Vorzeigedutt, das Streben nach Weltstadtformat, vielleicht das neue Wahrzeichen, das fast schon mehr als Hamburg sein will, erhebt?

 

Ich könnte mich natürlich auch in unmittelbarer Nähe an die vielleicht immer noch strahlenden Wände armierter Betonkopfigkeit lehnen. Krümmel … ist doch n Klacks und auch diese Wände sind ja sicher trotz „Stillstandsbetrieb“ immer noch von ganz tief drinnen warm, während sie himmelwärts schlotend die leukämische Elbmarsch markieren. Stillstandsbetrieb. Ein Begriff, der voll Gas gibt und gleichzeitig auf der Bremse steht. Und genau so fühl ich mich grad selber. Aber was für ein ungeheures Wort! Es hinterlässt Flecken beim Formulieren, leckt in den Strom der Dementis und kräuselt die Abklingbecken, während ich an der alten Fachwerkkirchhausmauer die eigene Pumpe und den Blasebalg beruhige. Zum Glück habe ich aus der nicht mehr abzustellenden, weltweiten Verfügbarkeit das zweite gekaperte Bild gezogen und mitgenommen:

 

Der polnische Bildhauer Pawel Althammer macht mir diese Annäherung dann doch etwas leichter, lässt mich so ein wenig nach Hause hoffen. Ein sinnlich einfaches Tür-mit-zwei-Fenstern-Sandkuchengebäude und über die spärliche Dachstelle ein haarig gelegter Pinselstrich (http://www.monopol-magazin.de/img/appointments/tn_534_375_kunsthalle-fidericianum-pawel-althammer-1.jpg). Nicht ganz roter Backstein, aber  wenigstens eine mir sympathische Ahnung von gelobtem Zubettgehland—mit aufgestelltem Gebäudehaar, zugegeben, vielleicht weil es an die „lauteste Straße der Stadt“ geht, aber, dank oberem Stockwerk, „mit traumhaftem Blick über den Hafen“. Meine vom Wähnen&Wollen verschmierte Gestalt zögert nicht, schlurft gelassen auf den mir zugeneigten Türsturz zu. Meine Seele, die sich gerade mal zufällig knapp über dem linken Schulterblatt eingenistet hat, weiß jetzt schon, dass das türige I sich mit einem sanften wohligen cccH öffnen wird. Was sollte ich schon mehr wollen?

 

On Earth I feel like a newcomer … I’m only passing through, paying a short visit and I don’t know where my voyage will take me. 

 

Da hat der Bildhauer wohl recht. Ich weiß zwar, wohin ich auf absehbare Zeit zu- und dass ich vielleicht nur durchreise, aber wohin diese Reise führt … woher sollte ich das schon wissen? Ich glaube, ich erlebe gerade eine Art Ballonmoment des Daseins, langsam hebe ich ab, und ich weiß nicht, ob ich es der heißen Luft meiner Hoffnungen oder geblähten Kraft meiner Ängste zu verdanken habe, aber eigentlich ist es doch schrecklich schön, wenn man, so wie ich gerade, am Lebenszweck (r)adelnd unterwegs sein darf!

 

Ich packe also meine Mutmacherbilder wieder ein und schau mir noch mal die Strecke an. Erst mal wieder auf Tuchfühlung mit der Elbe gehen, dann irgendwie den Neuengammer Marschbahndamm finden, bis nach Tatenberg rein immer den ollen Schienenstrang entlang, Schleuse, Kaltehofe, Elbpark, Elbbrücken, Veddel, Harburger Chaussee. Klingt nach Kurzstrecke, fast schon zu Hause, aber da werd ich noch was über das Metropolengebiet Hamburg und seine Ausdehnung dazulernen. Wichtig ist mir momentan nur, dass ich den Fahrtwind spüre, das dicke, matschig wellende Band der Elbe, an dem ich mich quasi in diese Geschichte hineinziehe, zu meiner Linken weiß und meine Beine sich anfühlen, als wäre ich grade losgeradelt, frisch, schmerzfrei und mutig.

 

„Von allen deutschen Grossstädten ist keine nach ihrer Erscheinung und ihrem Wesen so unbekannt wie Hamburg“, hatte Alfred Lichtwark schon 1897 in seiner Hansestadtstudie verlockend verraten. Aber erst mal anlegen, landen, würde ich sagen. Hamburg spüren, um die innere Ortlosigkeit zu beschwichtigen. Die 46 Quadratmeter in der Wilhelmsburger Bronx mit Bildern fühlen, die das Schleppnetz des Gedächtnisses jeden Abend kommentarlos nach dem Ankerwerfen ausspucken wird. Vielleicht helfen ja die Gedichte eines Republikflüchtigen gegen die Verortungslosigkeit.

 

Vor Wasser fließende Fenster, eins schließt das andere 

Zeichen im Strom 

immer weiter fortgeschwemmt

 

Außerdem lerne ich, dass chinesische Schriftzeichen Bilder sind, Worte Orte sind. Verrückung, ob nun Exil oder Existenz spielt für Yang Lian, über den ich da grade gestolpert bin, keine Rolle.

 

Abgesehen von einer Gedichtzeile haben wir keine Bleibe.