Prolog oder (auf) Zeit…fahren

 

 

Kondome. Kein Fluppenkasten. Ein präserner Münzautomat. Zwischen LKW-Ärschen und zwei sorgfältig entglasten Telefonzellen. Irgendwo muss man anfangen. Wie beim Zelt aufbauen: Es gibt immer einen ersten Hering. Bei den Kondomen bieg ich rechts ab, nehm das geteerte Stück Erde—fehlen die Federn, so lynchjustizig sieht Natur hier aus—unter die schmalen Hochdruckreifen, bleib im Dunstfeld des Ernst-August-Kanals, an den Duftballen von frittierten „Bremsklötzen“ und Pommes rot-weiß vorbei, schon ab 5, aber auch jetzt um ma 10 vor 8 dampft Uschi’s noch ordentlich. Toupiertes Abgas über dem Imbisscontainer. Links der Streichholzwald, Sitzschlafhütte von nem Stadtstreicher. Aus Plastik, Bohlen und noch mal Plastik zusammenikeat, Stuhl „Urban“ …  da hab ich mal gut 1 ½ Jahre gebraucht, um mich ein Foto aus der Ferne zu trauen. Dem Ort die Seele geklaut. Der Mensch ist, wenn überhaupt, immer nur als Schemen zu sehen. Dann Chico! Rufs schon fünf Meter vorher. Liebe den ollen Kläffschäfer mit seinem schlau geknickten rechten Ohr. Bewacht die fahruntüchtigen Klapperkisten des türkischen Altwagenhändlers bis sie von Autolastern nach Sonstwohin abgeschleppt werden :::: mein Weg zur Arbeit, keine 500 Meter geradelt.

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Bis zur Ernst-August Schleuse gehts durch die Grünanlage am Kanal. Aldi. Dann der Zoll. (2009 wird die alte Schleuse erneuert und den Radfahrern kurzerhand der Schleichweg am Freihafenzaun entlang vor der Nase weggesperrt.) Überall Treibgut am Straßenrand. Abfall aus unbehausten Leben in Führerkabinen. Dann eine Gabe an einbeinige Vaganten: rechter Schuh, schwarz, Größe 45. Den Klütjenfelder Klöße- oder Erdklumpenweg hoch, mit Blick auf die filigrane Köhlbrandbrücke (nicht mehr lange!, wird auch hier gemunkelt, Hamburger Wahrzeichen angefeindet vom Gigacontainerschiff = mehr Tiefgang + höhere Kistenstapel). Dann über den Reiherdamm durch die hafenbeckig dicken Finger der Elbe. Kurz vor Blohm+Voss noch ein Frühstückscontainer: Laster kaulquappen am Straßenrand. Kaffee dampft aus den Lüftungsluken, leere Bierkästen strandguten gegen die Eingangstür. Eine Kantine weiter: Soßenpulverdüfte, Zwiebeln und Hack. Gleich danach ist der Weg zum König der Löwen beschildert. Über den Brummis, die hier in Schwärmen unterwegs sind, masten Kräne ins Schietwettergewölbe und geiern auf Beute. Der Michel und Bismarck staken über die Flutmauer rechter Hand. Die Dachbrust des Alten Elbtunnels kommt in Sicht … durch die Spalte deiner Brüste schwappt die Elbe! Verkehrsteilnehmer werden kurz vor den zumalmenden Toren der alten Fahrzeugaufzüge getrennt, Passanten in zwei Glaskabinen runter gelassen oder rauf gezogen, Ausgepufftes, huschhusch!, und brav und schweigend in den Karrenkörben. Durch die Röhre dann leicht und schwungvoll bergab und nach dem geometrischen Schluckauf wieder sanft gen Elbufer Nord bergan. Milchgänge und Fettgewebe des zweiten Busens drücken einen auf der andren Seite wieder nach oben. Links raus. Hamburger Wappen liegen herum, festgetreten im vor Monaten sommerweichen Teer zwischen den Pflastersteinen: Astra Kronkorken mit St. Pauli-Herzen!

 

DER UNVERGÄNGLICHEN

SEE          DEN    SCHIFFEN

DIE   NICHT   MEHR   SIND

UND    DEN   SCHLICHTEN

MÄNNERN              DEREN

TAGE     NICHT     WIEDER

KEHREN.         J CONRAD

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Fischmarkt. Schifferdenkmal. Sehnsüchtig blickt sie wartend, kauernd die Elbe entlang—die Frau. „Kehr wieder!“, scheint sie zu sagen, scheint sie zu heißen. Das aufgesteckte Bronzehaar irgendwie wirr. Da!—unbestimmt, weit ausholende Geste, um den Blick der Matrosenbraut zu unterstreichen—gehen sie hin, die Männer und ihre pottigen Erfindungen: das Schiff und die Zeit. Die Seele ist weiblich, bleibt stehen, um zu schauen, bleibt zurück, um zu warten, bleibt daheim, um bis ans andre Ende der Welt zu hoffen … jedenfalls könnten einem so Gedanken kommen, wenn da nicht zur Linken der Strom, der Fischmarkt davor und darauf die Wohn+Mobilen mit televisiv verschüsselten MickeyMausOhren im immer währenden Röcheln ihrer Kaffeemaschinen klappstuhlten und den Blick auf die Schwimmdocks lenkten: „Fischmarkt grüßt Weltmarkt“. Laub ist schon zu Matsch auf allen Wegen geworden. Herbstgleitpatina. Vorsichtig. Bloß keine ruckartigen Ausweichmanöver. Ein einziger, ewig seine Klapperkiste mit schepperndem Korb auf dem Gepäckträger schiebender Stoiker, konterkariert die zielstrebig Akkord pedalierenden Velotauren. Die militärische Flussuferbebaumung hat die Hüllen schon fallen lassen. Und auch sie sind schon da, überlebensgroß, Softporno fürs frühsportliche Auge: Dessous räkeln sich auf ihrem Inhalt für den Gabentisch, herrschaftliche Litfasssäulen. Bald!, ganz bald!, oh zahlungszielig dauergeile Wegwerfbestellschaft—also in 3 Monaten—ist Weihnachten. Gegenüber hebt das große und schon ziemlich olle Transparent zum eindeutig ansagenden Om-Knattern an: „Deutschland halts Maul“. Hafenstraße. Immer noch etwas mehr als nur ein Museumshafen für flugblätterndes, politisches Unterwegs- und Inderwelt-Sein. Ich schau noch mal mit den Augen der Matrosenbraut über die Weite des Flusses und auf die in der Ferne bauklötzelnden Verfrachtungsbehälter von Toller Ort, bevor ich im Wiegetritt das S der Breiten zur Palmaille in Angriff nehme.

 

Schon am 10. Februar 2009 hat die Suche nach Bedeutungen, Richtungen, Eingebungen ein vorläufig natürliches Ende: Weißer Matsch auf Ostwind über Nacht. Pappschneetippex. Kurzzeitig verliert die Stadt ihr Zeichensystem. Langsam, auf dem immer gleichen Weg zum Alten Elbtunnel sickert die weiße Botschaft in mein Bewusstsein. AusgeXt! Halteverbote, Vorfahrtsregeln, Straßennamen, Werbeflächen. Alles weg! Das „hier“ könnte überall sein! Die Automobilisten mit Navigationssystem stört das nicht. Die machen noch aus Schmelzwasser eine abkühlende Wadenpackung für idealistische Zweiradspinner. Irritiert, seltsam orientierungslos pendle ich die gesalzene Breite Straße wieder mal wiegend hinauf, ganz rechts an diese Zweispurige gedrückt. Der Radweg vereist und spurrillig, da geht gar nichts. Bei der Lustigen Ecke, die abendlichen Rauchschwaden schweben noch in den klassischen Stores, platscht mir ein noch ungeduldigerer-als-sonst Spritfresser einen fetten Fladen Schmelzeissalzwasser bis fast ans Kinn.

Ein paar Tage später ist der „weiße Spuk“ längst vergessen und ich bin immer noch oder eben mal wieder—ich frag mich schon des Öfteren, ob ich mich nun in einer Wiederholungsschleife befinde oder als Kontinuitätsfehler quasi versehentlich gerade an die momentane Stelle geraten bin—auf dem Weg zur Arbeit. Palmaille, Altonaer Rathaus, Holländische Reihe, Bernadotte, den kleinen Hügel Richtung Rathenaupark hinan … der muss „magnetisch“ sein! Immer wieder dieses seltsame Rückenwindgefühl, bei jeder Wetterlage, genussvoll diese sanfte Steigung hinauffliegen, ein schwerelos radelndes Schlüsselerlebnis, sensationell schön! Und allmählich erwache ich auch wieder aus der über den Lenker gebeugten Starre, in die mich die Schlechtwetterphase gedrückt hat. Aus den immer (dreckig) grünen Büschen an der Bernadotte wachsen Jeans. Erntezeit für alle, die eine zweite oder dritte Lage nötig haben, aber viel zu feuchte Früchte für vagabunden Sofortbedarf. Weiter westlich beulen verlorene Helme auf dem Eingangsmauersims zur Anlage „Über’m neuen Elbtunnel“. Im Hintergrund zikkuratet mindestens 13-stöckig die Asklepios (liest sich irgendwie „klapprig“) Klinik Altona. Ich biege rechts ab und verliere mal wieder den Faden des Schauens. Vielleicht noch dies: Die Tanke an der Kreuzung, die grundsätzlich 7 bis 10 Cent teurer ist als alle andren in der Stadt (Gebietszuschlag) und der Hamburger Volksbank-Geschäftsmini mit BMW unter der Know-Haube, der mich konsequent jede Woche einmal mit dem rechten Außenspiegel fast von der Straße rasieren will.

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Othmarschen: langes O, irgendwie vermasseltes h. Ottos—also Ritter von Bahrens—Marschen oder die von „einem Einzelsiedler namens Othmar“. Ich halt es mit dem Einsiedler und dem Ritter lass ich Bahrenfeld. Die Liebermann, sozusagen das Verkehrsrinnsal überm unterirdischen Elbtunnelstrom, ist so zwischen Tierarztpraxis und Spar-Markt, mit Feinkost, Backbude und Bistro besiedelt. Städtische Müllmänner mischen sich unterm Tchibo-Schirm mit bestsituierten Pudelträgern. Metzger, Gemüseheimer, dazwischen noch ein Damenhutladen. In den Seitenstraßen wenig Namen an den Einfahrten. (Kameras?!? Wie in Kronberg oder Königstein im Taunus? Da bin ich nämlich auch schon ne Menge rumgeradelt. Es fehlt das Surren dieser der Bewegung folgenden elektronischen Augen.) Engel&Völkers-Fahrradständer, in dem nie ein Velo steht. SUVs mit Diätweltmeisterinnen am stadtpanzernen Volant. Angegraute Schlipsträger in tiefliegenden Sportwägen, um zu beweisen, dass sie noch in die Knie gehen können. Aber Einsiedler Othmar inmitten des „märchenhaften Besitzes“? Platz wär ja noch zwischen den Palästen, in den dazugehörigen Gärten, selbst am Rand begrünter Einfahrten, oder vielleicht könnte man auf einer der kleinen Grünflächen des betuchten Stadtteils ein kleine Klause errichten, in der der irre Viel-oh-soff mit grauem, wehendem Jesushaar als Attraktion dienen und im Umfeld gehalten werden könnte. Doch gerade diese Feigenblätter an öffentlichen Grünanlagen scheinen selbst die einsamsten Wölfe der Freilufttrinker-gesellschaften abzustoßen. In der Waitzstraße—budige Delikatess- und Accessoire-Schuppen, sozusagen der kommerziell üppige Vorbau der dahinterliegenden, hochgeschlossenen Villen—noch schnell in den Bioladen. Auch hier flotter Marschenaufschlag (25 Cent pro Kleinartikel oder mehr), aber ich zahl lieber drauf für den sehr wohl gefühlten Geschmack (und die exorbitante Miete, die die Bioladner wohl blechen müssen) statt mir die paar per Discount gesparten Kröten im löchrigen Brustbeutel schwer um den Hals zu hängen. Während ich die letzten Kröten auf den geölten Ladentisch zähle, schicke ich täglich ein Stoßgebet ins Umfeld: Hoffentlich halten die durch! (Budni—eigentlich sonst einer der weniger Bösen—hat gerade direkt gegenüber seine Nie-warn-wer-so-öko-wie-heute-Stadtperle eröffnet und im Bioladen wünschen sich treue Kunden, Personal und Besitzer in einem Atemzug, dass sie die Gewaltfreiheit nicht so demetern verinnerlicht hätten, denn dann könnte oder müsste man fast wirklich mal gewaltig tätig werden.)

 

Die Groß-Flottbeker hinauf. Die Baron-Voght gequert. Der Verkehr stottert unwillig um die geparkten Blechgeliebten herum. Der Mittvierziger, Schlipsträger, der mit hochpolierten Schnabelschuhen seinen Weg zur S-Bahn bahnt, und die ewig qualmende Gassigeherin in ihrer morgenrockigen Alltagspelle kommen mir wie gewohnt entgegen. Am flotten Bach entlang, der verrohrt irgendwo unter mir seines Weges Richtung Elbe fließt, absolviere ich meine letzten paar hundert Meter. Mittwochs und Sonnabends wird um die einschlägigen Lebensmittel- und Bedarfsartikeldiscounter herum intensiv geparkt und zum Sparshoppen der echte Weidenkorb aus dem Kofferraum gezückt. Denn dann ist Markt. Satte Kurzstrecken-, Anlass- und Abwürgemissionen mischen sich mit saturierten Bratfettwolken von der gepflasterten Marktwiese, die auf den einholenden und ach-so-immer-gleich-gewinnend-lächelnden Akkordeonklängen dahergleiten.

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In Groß Flottbek finden sich in erster Linie größere Einzelhäuser, vielfach Villen, und einzelne Reihenhaussiedlungen. Auch wegen seiner stadtnahen Lage, seiner günstigen Verkehrsverbindungen und der Nähe des Elbstroms ist es ein bevorzugtes Wohngebiet. Dementsprechend sind das Durchschnittseinkommen der Bewohner, die Grundstückspreise und die Mieten vergleichsweise hoch.

Es gibt viele Restaurants und Cafés und 51 Handwerksbetriebe (Stand: 2003); gegenüber 2002 hat die Zahl der Handwerksbetriebe um 7 abgenommen. Der Wochenmarkt, einige Bankfilialen, eine Post, mehrere Reisebüros, viele Einzelhandelsgeschäfte und einige Supermärkte sind weitere Bestandteile des Groß Flottbeker Wirtschaftsgeschehens.

 

Ab dem Leiblstieg nehm ich Anlauf, hoffe, dass die Grünphase noch nen kleinen Augenblick hält, keule die Rampe hinauf, vorbei am Aldi-sei-Dank geparkplatzten Wochenmarkt und sprinte auf die vierspurige Ziellinie aus fettem, unablässig wummerdem Ost-West-Verkehr zu. Osdorfer Weg. Verkehrsader mit Gassennamen. Ich hab noch das gelbe Licht im Auge, als ich ins Hünengrab ausrolle. Der Schwung reicht noch, um über den Privatparkplatz vorm Haus zu gleiten, und schon bin ich da:

 

Ein Fahrradladen. Vielleicht nicht grade einer der vielversprechendsten Schauplätze der Weltliteratur, aber eben selbst in der Vor-Ort-Dichtung bisher absolut unterrepräsentiert. Kurzer Schluck aus der Trinkflasche. Noch ist alles unerleuchtet. Fahrrad abschließen, Packtasche abnehme. Mit knarzenden Cleats übers Pflaster. Nummernkode, spiraliges Naseziehen des Türschlosses, Glöckchen beim Türaufstoßen und ich bin drin ::: 1:23:37 ::: reine Fahrzeit.

 

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