ruft Frank [22/10_07]

iii

Eine Elektrische schnurrt über den Braubach, die Armee geklonter Stadtbebaumung stramm aufm Paulsplatz, Verwaltungsschatten von gegenüber (drinnen Turnhallendunkel), Ausflügler hauptsächlich auf Digitales bedacht. Ich folge Einem ohne Kamera auf den Römerberg. (Muss mich gegen fünfzehn Jahre Frankfurt wehren. Eingewohnt wird eine Stadt immer zum Bratkartoffelverhältnis.) Nach der spirituellen Leere der Paulskirche, wohin? (Ich wünscht, ich könnt so unbeteiligt an dieser resurrektierten Altstadt eins..zwei..vorbeihopplan wie ansässige Mensch das so anstandslos tun.) Römer, Kaisersaal, die Hochzeitsfotofassade und dann dahinter doch nur amtschimmlige Stollen, ewiges im Kreis Gegängel, Turnschuhmief des Durchschriftigen (kaum zu glauben, aber genau so riecht das), Schweißfahnen von Antragstellenden, Stand es Amt. Mitte Römerberg der Brunnen: Gerechtigkeit (Ha! (spöttisch)). Aber links, fast schon im Eck: Amazone, Blick aufs Rathaus, geradewegs vom Schlachtfeld geschlurft, Schultern leicht gerundet, vom Rumpf getrennte Fratze am Schopf lässig in der rechten Hand, baumelnd, Sieg, Stumpfheit, Überleben und Gleichmut ziehen gerade in den Körper der Titanin ein. Viel Betong hinter Fachwerkfassaden. Andenkenläden, Wirtshäuser, Nikolaikirche, Schmerzensmann im puppenstubigen Innern. Historisches Museumsgrau mit rotsandsteinigem Karl davor, geschlossen (Montag!), aber weiter Sandsteiniges in Betong+Glas vitriniert auf dem Weg zum Museumshof (erinnre mich an freie Jazz Konzerte … Jahre her). Da ist dann Schluss. Hinter martialischem Torgegitter Doppelgemoppel: Urebert (also nackter Paulskirchenturnbube), denk mal!, in Open-air Unrat.

urebert_ausgleich.jpg

 

ruft Frank [24/10_07]

Vielleicht weiter zum Dom. Ensors Der große Richter überblickt eine Ausstellungslänge den Kanal hoch zur Schirn. Türkischer Landsmann in Orange, 2 schwarze Zylinder im Stahlrahmen, langstielige Staubwolke im Eingangsrund zum Museum. Wir nicken uns zu, er fegt weiter. Über innerstädtischer Tiefgarage: Pfalzreste. Ringsherum: Das Betonggebirge der Kunst auf Süd, das sich türmende Rundportal verdunkelt von West, St. Bartholomäus (Wohnung des Turmwächters verhüllt, Bauzäune um Westseite lassen was von mittelalterlicher Enge ahnen) im Osten und selbst das Hügeln der Fußgängerpassage über der Tiefgarage schattet hinein ins Tiefe Tal dieser Mauerreste. Möchte meinen, dass ich hier bis ins pochende Herz der Altstadt hinabgreifen könnte, stünde ich nicht auf lagenweise Stahlbetong und Schichten geparkten Blechs. Abgeschnittene Verbindungen. Ich lausche aus diesem schwarzen Schattengrund hinauf & hinab: bestenfalls Rauschen, Pressluft hämmert, Motoriges in den Schlund der Tiefgarage, Flugzeuge kondensieren durch den Flecken stählernes Blau. Die Stadt bäumt sich ringsum auf, ein stummer Schrei bebt bis hinab in meinen düstren Geburtskanal, mich fröstelt, ahn ich doch, dass mich dies Loch eher verschlingen als ans Licht befördern würde. Müde trepp ich aus dem gebärmuttrigen Schlund hinauf, ziehe meine Nabelschnur Gedanken um das breit wie lange Kreuz des Kaiserdoms.
Im Herzen Frankfurts? Es museumsdorft, sehr doll. Hinein in die Gute Stube = Geschichte. Ich suche was, das find ich nicht. Vielleicht Geister, die ein bisschen Unordnung machen. Vielleicht Dreck, der was vom Stecken erzählt. Vielleicht Fragen, deren fehlende Antworten den Treibsand unsres Daseins klittern. Vielleicht Gelebtes, nicht Geschichtetes. Vielleicht Heiliges, aber keine Tümer. Vielleicht Orte ……. gewesen ……. Wesen?

ruft Frank [26/10_07]

Im schattigen Nordosteck des Doms erst mal wieder ein Doppelmoppel: Backoffens Kreuzigungsgruppe, draußen Kopie, drinnen Orrrrrrrginaaahl. Die Kopie natürlich was plastizieder und die Beule der Männlichkeit bei dem im spanischen Conquistadorenkostüm silikoniert. Drinnen wieder alles 1A, wie nachgebaut (die Unwirklichkeit makelloser Altertümer sei nicht unterschätzt!), schuhiges Geschabe, leise Klassikkonserve, 1 Stiftsschwester Security hier auf der hochwassergeschützten Anhöhe in der östlichen Frankfurter Altstadt. Domhügel, das ist allerältester Siedlungsboden. Ursprünglich ne Insel, drumrum der Main, die Braubach (schon im Mittelalter trockengelegter Oh-du-Meinseitenarm), Sumpf, die Furt (Namen gegeben und danach verschwindibus, welche Seichtwasserpassage nämlich die der Franken war, weiß ma nicht mehr, gar nich mehr – finde ja das Beckmanns Eiserner Steg geistmächtig genug wäre, den Platz einzunehmen). Niemals Bischofskathedrale (also von wegen Dom …), aber Wahl- und Krönungskirche für die Großkopferten der heilig, römisch + Reichen Deutscher Nation. „Erlöser“ als 1000jährige Hausherrn. Zwei Patrone: Carolus (Modell der Kirche in der Hand) und Bar Tholomäus (die eigne Haut wie ein Umhang locker über dem Unterarm hängend, nachdem ihm bei lebendigem Leibe dieselbe abgezogen und der Kopf abgeschlagen worden war: Heiden!). Wertvollste Reliquie: Schädeldecke des heiligen Sohn des Tholmai (Diebstahl von Reliquien aus unterworfenen italienischen Städten war durchaus üblich: Christen!). Das Ganze gedrungen hoch, im kurzen Langhaus wie im langen Querhaus. Architekten meistens unbekannt.

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ruft Frank [29/10_07]

Erst mal setzen, letzte Reihe im untersetzten Langhaus, aus Scheids Patrizierkapelle Kerzenflackern, Grablegung Christi im Blick (in Grauem, Stein). Ich schlucke wie an zu schweren Brocken. Was würde wohl ein Meister Psychogeograf mit den Wortschaufeln freigelegt haben? (Mal Obacht! auf so unbekannten W- und Ortwühler wie Iain Sinclair aus EngLand, Luds Town.) Steck ich fest? Mit einem Lauf schon im mainischen Moor und an der andren Hacke den ältesten Hund der Geschichte. Was hab ich hier zu suchen, auerochsts durch meine Schale Hirn? Was zum Teufel kann ich aus den Frankfurter Sencken bergen? Wie Kontakt aufnehmen, umzingelt von musealem Plastik? Die ganze, bis hierher goutierte Vergangenheit ist harmlosestes Kaffee- und Buttergefahrte. Historienbüfett, Geschichtshäppchen. Bin ich auf der falschen Fährte und wo möglich auch noch neben der Spur?!? Dieses Ding hier (aha, also mal respektlos!), mehr hoch als breites, Altstadt gequetschtes Hellenenkreuz, mit schon fast (!) 100 Meter Turm als noch mit Bauklötzen aus gebranntem Lehm in die Höhe gestrebt werden musste und noch vor Hr. Stahl & Fr. Betong, der architektonischen Mussehe für den pimmligen Größenwahn (na, nur nich überabsichten jetzt!), also dieses dom Ding gutbürgerlicht, wohnstubt, sonntagsstaatet, macht aus strato Sphären der Vergangenheit: Legoland.

ruft Frank [31/10_07]

Da hilft nur noch in den Schichten fleddern. Ich les in meinem weltweitwebigen Ausdruck nach und quer: Schule der Sängerknaben (also weltstädtisch wie Londons Paulskirche). Paschalis III. (fehlt n „u“?), von Friedrich I. eingesetzter Gegenpapst sprach Kaiserübervater Karl heilig (1165). Der Südportal-Josef bis Mitte des 15. Jahrhunderts in jüdischer Tracht (Synagoge gegenüber) und trotzdem wurde 1350 das jüdische Viertel als Wiege der Pest abgefackelt (wobei auch gleich ein Funke auf die Bartholomäuskirche übersprang – huch.). Nordportal war die meistbenutzte Tür der Stadt und folglich schwarzes Brett. 1405, Zeit für Madern Gertener. Der Steinmetz und Sohn eines Steinmetzes tritt auf den Plan, sockelt ein streng quadratisches, monumental körperhaftes Untergeschoss (ohne Westportal, denn da drückten sich die Häuschen bis fast an die nicht vorhandene Turmpforte), dann schlanker mit erstem Glockenstuhl hinauf in luftigere Höhen, achteckig vorbei am zweiten Glockenstuhl und Turmwächterwohnung zur ehrgeizigen Steilkuppel. Doch Gertener starb und Geldmangel krönte statt kaiserlich den Turm mit runder Blechkapp = Schlafmütz (der Volksmund).
Na ja. Mal wieder ein bisschen selber Unter suchen. Durchs Gartentor bei der Grablegung und dann s-kurvig drumrum hinein zum Lichttor in die Stille Kapelle. Hier flattern die Frankfurter Adler zu hunderten über den gefliesten Boden. Der Bethaushimmel gehört vogelfrei den Heiligen vor Ort. Es ist wirklich mucksmäuschenstill, nur die rautig verlegten Schwingen der Stadtwappenflatterer scheinen leise zu rascheln. Ich schleich mich wieder raus (trete natürlich auf die Leerkacheln): Christus, König der Lüfte, schwebt auf den Flügeln des Kreuzes vor dem Hochchor.

frankfurter-spatz_stempel.jpg

 

ruft Frank [02/11_07]

Dem gewachsenen Selbstbewusstsein „des städtischen Bürgertums widersprach der überkommene Machtanspruch“ der korrupten und moralisch verkommenen, römischen Amtskirche. Erneuerungsbewegungen – „Wiedertäufer, revolutionäre Bauern, der Humanismus“ (rares Kabinett der Radikalen!) – brachten die unzufriedene Stimmung der Zeit zum Ausdruck. Und doch machte Luther das Rennen, da seine Lehre den Staat als göttliche Ordnung ansah und den Landesherren Autorität auch über kirchliche Angelegenheiten zusprach, war sie bei den Fürsten und auch bei der herrschenden Klasse der Städte recht gern gesehen. (Schauschau!) In der Folge ein Taugeziehe um dem Bartholomäus sein Haus: 1525 „geteilt“, also die Römischen-Katholischen in n Chor, Protestanten im „Rest“. Dann mal ganz Luther. Dann wieder ungeliebte Stiftskirche. Luther. Stift. Italienisches Kaufmannskapital reißts noch mal raus, schmückt und putzt und macht dem neuen Namen Ehre: Kaiserdom. Doch bald schon franzt der II. und „Letzte“: Schlussgeläut für fast (!) 1000 Jahre Regnum Teutonicum.
Doch auch vorher gabs schon böse Fingerzeige: 15. August 1867, halb 2, nachts, Fahrgasse, Bierschenke Müller: Feuer!, Ostwind! Auf die einfache Frankfurter = mußpreußische Formel gebracht: Dombrand + Wilhelmsbesuch = Unsere Tempel fraß das Feuer, / Unsere Freiheit fraß das Schwert. Doch mit dem Wiederaufbau kam Denzinger (der 2. namentlich bekannte Architekt) und setzte dem Turm endlich die achtrippige Steilkuppel samt Laterne mit Kreuzblume auf (Originalplan Gertener). Postregnum also endlich die türmende Reichskronenimitation. Jetzt wirds stiller um Bartholomäus. 1944, wieder ausgebrannt, ragte der erhobne Zeigefinger des Westturms düster aus dem Trümmermeer – ein furchtbar schönes Bild.

Dann ganz unerwartet schon beim Rausgehen: schwarze Blattern (Acryl auf Papier auf Leinwand). Ein quadratisches Ekzem (Leihgabe) an der sonst so gepflegten Kaiserdomwand direkt unter salzteigigen Wappen mit Helmen: Hiob, 1973. Emil Schumacher, Held des Unter-die-Haut-gehens! Endlich bröckelt die Märklinaufgeräumtheit: pockennarbendes, schwarzes Kunstblut!

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